Als das Drama ein gutes Ende genommen hatte, gab es kein Halten mehr. Nico Klaß, der Schütze des entscheidenden Treffers zum 6:5 (0:0) im Elfmeterschießen, ließ sich im Strafraum auf den Rasen fallen, seine Mitspieler stürmten von der Mittellinie los, ein Teil stürzte sich auf den Verteidiger, die anderen jubelten mit ihrem Torwart. Beim Fußball-Oberligisten TV Jahn Hiesfeld brachen am Samstag nach dem Sieg über die Regionalliga-Elf des Wuppertaler SV im Viertelfinale des Niederrheinpokals alle Dämme, die Dorotheen-Kampfbahn wurde zur Partyzone.

Und mittendrin stand der Mann, der in der Glücks-Lotterie zum Abschluss eines 120-minütigen Abnutzungskampfes auf tiefem Boden zum Helden des Tages wurde: Kevin Hillebrand. Der Hiesfelder „Schnapper“ ging durch ein Wechselbad der Gefühle, er hielt über die reguläre Spielzeit samt Verlängerung seinen Kasten sauber, parierte dann die ersten zwei Elfmeter gegen Dennis Dowidat und Peter Schmetz, scheiterte aber mit dem Versuch, selbst beim Stand von 3:3 einen Schlussstrich zu ziehen. „Ich wollte den Torwart ausgucken“, plauderte er später seinen Plan vom Elfmeterpunkt aus, „aber der hat sich nicht bewegt“. Im Training bewies der 26-Jährige, den alle im Team nur „Hille“ rufen, schon des öfteren seine Treffsicherheit mit Strafstößen, im Wettbewerb bekam er diesmal nur ein Schüsschen zustande, das WSV-Schlussmann Joshua Mroß locker aufnahm.

Doch Hillebrand behielt die Nerven. Als Wuppertals Tristan Duschke ein paar Minuten später antrat, flog der Keeper wieder in die richtige Ecke und hielt das 5:5 fest, Nico Klaß nutzte die Vorlage, traf wie vorher Kevin Krystofiak, Dalibor Gataric, Ioannis Alexiou, Kevin Kolberg und Ekin Yolasan. Der Rest war nur noch Jubel. Im Team und auf der Tribüne, wo Klaß‘ Vater den erfolgreichen Schuss seines Sohns per Handy-Video festhielt, während der Großvater neben ihm erst die Daumen drückte, um anschließend als einer der ersten Gratulanten nach der Mannschaft aufs Spielfeld zu laufen.

Klaß stand letztlich auch stellvertretend für das gesamte Team. Nach wochenlanger Verletzung gehörte er erstmals wieder der Startelf an, zunächst im zentralen defensiven Mittelfeld, nach Robin Rieblings Ausscheiden ab der 83. Minute als linker Verteidiger. Der 20-Jährige stemmte sich mit seinen Kollegen erfolgreich gegen die Wuppertaler Angriffe, auch wenn die Kräfte spätestens in der Verlängerung immer mehr schwanden. Eine verbundene Hand und ein Wadenkrampf gegen Ende zeugen vom unbändigen Einsatzwillen, der schließlich belohnt wurde.

„Wir wollten über Konter kommen und wussten, dass wir nur über den Kampf etwas erreichen“, erklärte Trainer Thomas Drotboom seine Taktik mit den drei „Sechsern“ Klaß, Ekin Yolasan und Gino Mastrolonardo. Der Plan ging auf: Wuppertal agierte erwartungsgemäß optisch überlegen, bekam insgesamt deutlich mehr Ballbesitz, aber die kompakte und aufmerksame Hiesfelder Defensive ließ kaum einmal gefährliche Szenen vor dem Jahn-Tor zu. Lediglich vereinzelt kamen WSV-Angreifer durch, die Annäherungsversuche blieben dabei jedoch zumeist harmlos. In der regulären Spielzeit schickte sich Gino Windmüller einige Male an, die Sache für die Gäste klar zu machen, seine erste Gelegenheit vereitelte aber Kevin Kolberg (77.) kurz vor der Torlinie und drei Minuten später semmelte Windmüller den Ball aus kurzer Entfernung über die Latte. Für die „Veilchen“ schloss Damiano Schirru nach 37 Minuten zu überhastet ab, anstatt den mitgelaufenen Gino Mastrolonardo zu bedienen, Kevin Menke verzog seinen Schuss in der 65. Minute von einem Verteidiger bedrängt am oberen Winkel des WSV-Tors vorbei. Auch in der Verlängerung spielte Wuppertal, der TV Jahn hielt mit Kampf dagegen. „Hiesfeld war stehend k.o., hat aber mit großer Leidenschaft gespielt“, urteilte WSV-Coach Stefan Vollmerhausen nachher richtig. „Wenn’s dann ins Elfmeterschießen geht, ist das immer eine Lotterie. Wir sind total traurig.“

Die Gastgeber hatten dagegen gut lachen. Trainer Drotboom war der Gegner fürs Halbfinale „egal, es muss nur nicht Uerdingen sein“. Matchwinner Kevin Hillebrand feierte unterdessen in der Kabine mit seinem Team. Seinen einzigen Fauxpas, den Fehlschuss vom Punkt, nahm er locker und feixte: „Das Thema Elfmeterschießen hat sich für mich wohl erledigt.“ Wenn er weiter so verlässlich Elfmeter pariert wie diesmal, wird das für seine Mannschaft das geringste Problem bleiben.

TV Jahn: Hillebrand; Riebling (83. Zwikirsch), Corvers, Alexiou, Kolberg, Klaß, Yolasan, Schirru (85. Hirose), Mastrolonardo (113. Krystofiak), Dalibor Gataric, Menke.

WSV: Mroß; Heidemann, Schmetz, Duschke, Leikauf (105. Pytlik), Windmüller, Wirtz (105. Cirillo), Dowidat, Khadraoui (56. Steinmetz), Manno, Kramer.

Schiedsrichter: Alexander Busse.

Quelle: RP